Literatur
GEDOK und die Literatur
Dr. Patricia Falkenburg
Regelmäßig wird berichtet, dass im Nachkriegsdeutschland die Disziplin Literatur in der GEDOK im Schatten der Bildenden und Angewandten Kunst gestanden habe. Noch Ingeborg Drewitz thematisiert dies in ihrem kurzen Beitrag „Die Literatur in der GEDOK“ im Gegenlicht-Katalog, der zum 60-Jahr-Jubiläum erschien. Auch die umfangreiche und überaus informative Dissertation von Elke Lauterbach-Phillip[1] beleuchtet ausschließlich die Bildende und die Angewandte Kunst. Teilweise mag dies allein ein „Zahlenproblem“ sein: die weitaus meisten Mitglieder gehören seit jeher den Disziplinen AK und BK an. Andererseits offenbart sich hier eine Forschungslücke, die zu schließen wäre.
Nichtsdestotrotz waren und sind Musik und Literatur stets wichtige Teile der Präsentation der künstlerischen Arbeit der GEDOK-Mitglieder sowohl bundesweit als auch in den Regionalgruppen. Keineswegs gering zu achten, ist selbstverständlich auch die bis ins nahe Ausland beachtete Verleihung des Ida Dehmel Literaturpreises und des GEDOK Literaturförderpreises. Kein anderer der von der GEDOK ausgerichteten Preise hat eine vergleichbare, seit der Stiftung ungebrochene Kontinuität.
Die Fachbeirätinnen für Literatur sahen sich in einem extrem volatilen publizistischen Umfeld in jedem Jahrzehnt aufs Neue mit wechselnden Herausforderungen konfrontiert. Viele spannende Ansätze konnten aufgrund geänderter Rahmenbedingungen in der Folgezeit nicht weitergeführt werden. Ungeachtet dessen standen und stehen Austausch und kollegiale Zusammenarbeit im Vordergrund der Vorstandsarbeit. Dem dient auch der Newsletter Literatur, der seit 2020 erscheint, zunächst alle 2 Monate, seit 2024 vierteljährlich, und über Veröffentlichungen und Veranstaltungen der GEDOK Literatinnen berichtet, die den Fachbeirätinnen von den Mitgliedern gemeldet werden.
Ausstellungen des Bundesverbands
1977 Ingeborg Drewitz organisierte eine Wanderausstellung „Frauen in der deutschsprachigen Literatur seit 1945 : Ausstellung in der Stadtbücherei am Münsterplatz anläßlich der Bundestagung der GEDOK in Freiburg vom 20. Mai bis 18. Juni 1977“, die in acht deutschen Großstädten und dem Goethe-Institut Italien gezeigt wurde, bevor sie n der neuen Stadtbibliothek Wiesbaden archiviert wurde.
1986 In der bereits genannten Ausstellung „Gegenlicht“ zum 60-jährigen Bestehen der GEDOK wurde die Literatur mit Büchern und Schautafeln auf Stellwänden präsentiert. Ausgangsmaterial war dabei die vom Landesfrauenrat Rheinland-Pfalz übernommene Ausstellung „Frauen sehen ihre Zeit“[2], die mit Werken von GEDOK-Autorinnen aus Berlin erweitert wurde.
Ausgewählte Buchveröffentlichungen
Anmerkung: Diese Liste muss sich auf diejenigen vom Bundesverband herausgegebenen Werke beschränken, die nicht als Ausstellungskataloge erschienen. Eine Auflistung aller von den Regionalgruppen herausgegebenen Kataloge und Anthologien würde den Rahmen der vorliegenden Publikation sprengen!
1932 Die deutsche Künstlerin. Ein Gedokbuch
Texte von 28 Autorinnen treffen auf Bildtafeln von Werken von 23 Künstlerinnen der Bildenden und der Angewandten Kunst. Das Geleitwort schrieb Ida Dehmel.
Hrsg. Edith Mendelssohn Bartholdy; Leipzig
1990 Ich schreibe, weil ich schreibe
Unter diesem Titel – einem Hilde-Domin-Zitat – veröffentlichte der Bundesverband unter Federführung der Fachbeirätin für Literatur, Irma Hildebrandt, und der Präsidentin Dr. Renate Massmann ein Verzeichnis der GEDOK-Autorinnen. Vorgestellt werden 167 Autorinnen mit Kurzvita und Werkverzeichnis sowie alle Preisträgerinnen des Ida Dehmel Literaturpreises und des GEDOK Literaturförderpreises bis 1989, diese auch mit Werkproben. Ergänzt wird diese Dokumentation durch Essays zum Schreiben von Frauen, eine Darstellung aller GEDOK-Preise und Fördermaßnahmen und der literarischen Aktivitäten der Regionalgruppen.
Verlag Julius Weises’s Hofbuchhandlung. Stuttgart 1990; ISBN 3-9802213-1-8
2023 Wir sprechen vom Wasser … – Gedichte und Geschichten
Die 47 Autorinnen, die für diese Anthologie Texte schrieben, nähern sich dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Sie schreiben erzählende Prosa, Lyrik oder Essays, kommen aus unterschiedlichen Generationen und Regionen und haben ganz verschiedene biografische Hintergründe. Das von den Fachbeirätinnen für Literatur – Marion Hinz und Anja Liedtke – initiierte und redaktionell betreute Buch vereint politische Texte, lustige und nachdenkliche Gedichte und Naturlyrik, Parabeln, Kurzgeschichten und eine Kriminalgeschichte.
Hrsg. GEDOK e. V., Projekt-Verlag, Bochum / Freiburg 2022; ISBN 978-3-89733-575-2
2025 Künste ∙ Frauen ∙ Netzwerk – 100 Jahre GEDOK
Das Leitthema des Jubiläumsjahres ist auch Leitthema und Titels dieses unter Federführung der Fachbeirätinnen Literatur herausgegebenen Buches der Künste. Die bewusst gewählte Offenheit dieses Titels erlaubte vielfältige individuelle Zugänge. In einem gemeinsamen interaktiven Prozess entstanden neue Werke, zuvor gefertigte Arbeiten setzten sich auf neue Weise mit anderen in Verbindung. In einem intensiven kreativen Gespräch der vielen Stimmen und Ideen entstand ein Netz von Kunstwerken, welches das künstlerische Potenzial der GEDOK in seiner ganzen Vielfalt abbildet. Alle Disziplinen sind in diesem Band zusammengeführt: Werke von 89 Künstlerinnen der Bildenden und Angewandten Kunst treffen auf Texte von 39 Autorinnen sowie Notenbeispiele und Audios von 21 Musikerinnen. Audios und Videoarbeiten werden über QR Codes ins Buch geholt.
Hrsg. GEDOK e. V. Projekt-Verlag, Bochum / Freiburg 2025; 303 Seiten, 26 €, ISBN 978-3-89733-631-5
Gremienarbeit
Auch in der Literatur ist die GEDOK e. V. in wichtigen Gremien vertreten und setzt sich für die Interessen der Autorinnen ein. Seit 2011 ist sie Mitglied des Deutschen Literaturrats und nimmt mit ihrer Delegierten an den Treffen der Deutschen Literaturkonferenz teil.
Ida Dehmel Literaturpreis
Der Ida Dehmel Literaturpreis wird seit 1968 alle drei Jahre an eine Autorin für ihr literarisches Schaffen insgesamt vergeben. Er ist damit nach dem Droste-Preis, der seit 1957 verliehen wird, der zweitälteste bis heute kontinuierlich verliehene Literaturpreis für Frauen im deutschsprachigen Raum[3]. Er hat das Ziel, für Sichtbarkeit und öffentliche Resonanz des literarisch-künstlerischen Schaffens von Frauen zu sorgen.
Der von der ersten Ida Dehmel Literatur-Preisträgerin Hilde Domin initiierte GEDOK Literaturförderpreis wird seit 1971 im gleichen Turnus verliehen. Während mit dem Ida Dehmel Literaturpreis eine Autorin für ihr bis zu diesem Zeitpunkt vorgelegtes Gesamtwerk ausgezeichnet wird, soll der Literaturförderpreis die Aufmerksamkeit auf eine überregional noch nicht bekannte Autorin lenken. Seit 2007 wird für den Literaturförderpreis dabei jeweils ein politisch und literarisch relevantes Thema vorgegeben, zu dem die Kandidatinnen Texte einreichen sollen.
Für beide Preise werden Kandidatinnen von den Regionalgruppen vorgeschlagen.
Beide GEDOK-Literaturpreise werden seit 1989 mit Bundesmitteln gefördert, seit 2007 vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, BMFSFJ. Dies ermöglichte 2024 die großzügige Dotierung mit 10.000 € für den Ida Dehmel Literaturpreis und 5.000 € für den Literaturförderpreis. Dem Ministerium gilt hierfür unser großer Dank!
Ida Dehmel Literaturpreis – Preisträgerinnen
2024 Nora Gomringer | 2020 Ulrike Draesner | 2017 Monika Maron | 2014 Karla Schneider | 2010 Ulla Hahn | 2007 Doris Runge | 2004 Kerstin Hensel | 2001 Helga Novak | 1998 Herta Müller | 1995 Elke Erb | 1992 Sarah Kirsch | 1989 Brigitte Kronauer | 1986 Eva Zeller | 1983 Barbara Frischmuth | 1980 Ingeborg Drewitz | 1977 Rose Ausländer | 1975 Margot Scharpenberg | 1971 Erika Burkart | 1968 Hilde Domin
GEDOK Literaturförderpreis – Themen
2024 Frauenleben.frei | 2020 Unbeugsame Frauen | 2017 Digitale Familie | 2014 Situation Frau – Familie – Beruf | 2010 Familie – Säule der Gesellschaft? | 2007 Migration / Integration
GEDOK Literaturförderpreis – Preisträgerinnen
2024 Marina Jenkner | 2020 Franziska Ruprecht | 2017 Barbara Schibli | 2014 Dagmar Dusil | 2010 Anja Kümmel | 2007 Carmen Francesca Banciu | 2004 Jenny Erpenbeck | 2001 Anna Würth | 1998 Kathrin Schmidt | 1995 Nina Jäckle | 1992 Annegret Gollin, Sigrid Grabert | 1989 Verena Nolte | 1986 Zsuzsanna Gahse | 1983 Ingeborg Görler | 1980 Ute Zydek | 1971 Katrine von Hutten
Über die Relevanz von Literaturpreisen
Patricia Falkenburg
Unverändert ist der Buchmarkt stark männlich geprägt und dominiert, sodass Gegengewichte unverändert dringend benötigt werden. Schon eine Pilotstudie aus dem Jahr 2018 belegte das Ungleichgewicht zwischen der öffentlichen Wahrnehmung der Bücher von Autorinnen versus Autoren mit zahlreichen gut recherchierten Daten[4].
Auch wenn neuere umfassende Zahlen derzeit nicht vorliegen, zeigt ein Blick in die Spiegel-Bestsellerliste 2024, dass nach wie vor keine Parität erreicht ist: die jeweils 20 erstplatzierten Titel der Belletristik- und der Sachbuchliste wurden von 12 Autorinnen versus 35 Autoren verfasst[5]; bei fünf Werken werden mehrere Autor:innen genannt).
Die große Bedeutung der Literaturförderpreise wurde in einer 2020 von der damaligen Fachbeirätin für Literatur im Vorstand, Marion Hinz, initiierten Befragung deutlich. Dr. Susanne Krones, Programmleitung deutschsprachige Literatur, bei C. Bertelsmann – Manesse (Penguin Verlag) bestätigte: „In jedem Fall ist es so, dass eine Auszeichnung wie die GEDOK Literaturpreise die Aufmerksamkeit von Presse, Buchhandel und Publikum auf die ausgezeichneten Autorinnen und Bücher lenkt. Die Zahl der Rezensionen steigt merklich. In jedem Fall hat die von Ihnen verliehene Auszeichnung für die Autorinnen große Bedeutung. Nicht zuletzt auch, weil Autorinnen noch stärker als ihre männlichen Kollegen auf Literaturpreise angewiesen sind, weil sie durch ihre stärkere Einbindung in die familiäre Verantwortung, die Kinderbetreuung etc. die andere Variante der Literaturförderung, nämlich die klassischen Aufenthaltsstipendien, viel weniger wahrnehmen können.
Das macht Literaturpreise wie die GEDOK-Literaturpreise in jedem Fall zu einem wichtigen Instrument der Frauenförderung im Literaturbetrieb.
[1] Elke Lauterbach-Phillip: Die GEDOK – ihre Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Bildenden und Angewandten Kunst, Dissertation, München 2003, Herbert Utz Verlag München 2005
[2] Sigrid Weigel: Deutschsprachige Literatur von Frauen nach 1945. In: Frauen sehen ihre Zeit. Katalog zur Literaturausstellung des Landesfrauenbeirates Rheinland-Pfalz. Landesfrauenbeirat Rheinland-Pfalz (Hrsg). Selbstverlag, Mainz 1984; ISBN 3-12-928890-2
[3] https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_von_Frauenpreisen; zuletzt geöffnet August 2025
[4] http://www.frauenzählen.de/studie_diagramme.html; Zuletzt geöffnet August 2025
[5] https://www.buchreport.de/spiegel-bestseller/hardcover/?bestseller_list_paging=1; Juli 2025
